Elementary - 10 Jahre Sherlock Holmes in New York

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Elementary - 10 Jahre Sherlock Holmes in New York

Elementary: 10 Jahre Sherlock Holmes in New York

Um 2010 herum hat es einen großen Trend gegeben:
Neuauflagen von Sherlock Holmes.
Und neben den Kinofilmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law waren das im britischen Fernsehen „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman sowie im US-Fernsehen eben „Elementary“ mit Johnny Lee Miller und Lucy Liu.

Und ich kann ein kurzes Fazit gleich am Anfang meines Jubiläums-Artikels ziehen:
Diese Sherlock-Holmes-Iteration finde ich richtig gut. Und das, obwohl einige formale Elemente eigentlich gegen diese Einschätzung sprechen oder diese jedenfalls in Zweifel ziehen.

Ein durchaus zweifelhaftes Gesamtsetting – aber ohne Folgen

Das Grund-Setting von Elementary ist höchst konstruiert und wirft vieles über den Haufen, das wir von allen anderen mir bekannten Holmes-Adaptionen kennen.

Sherlock Holmes, der nicht in London, ja nicht einmal in Großbritannien, sondern in New-York ermittelt?
Ein Detektiv der kurz vor Beginn des Seriengeschehens Heroin-süchtig war?
Dazu weitere wichtige Charaktere der Serie, die zwar grundsätzlich aus dem Sherlock-Holmes-Kanon stammen, aber von den Serienmachern ordentlich „verdreht“ konstruiert worden sind,  mit starkem Hang zur Besetzung männlicher Arthur-Conan-Doyle-Charaktere mit Frauen?
Denn besonders Dr. Watson ist hier nicht ein englischer Mann namens John, sondern eine asiatisch-stämmige US-amerikanische Frau namens Joan.
Und zwischen der von sonstigen Sherlock-Holmes-Produktionen bekannten „Flamme“ des Meisterdetektivs Irene Adler und seinem Erzfeind James Moriarty gibt es in dieser Serie eine Art „Fusion“, beide werden hier von einer Jamie Moriarty verkörpert – die zumindest Engländerin ist.

Ein Pluspunkt beim Setting ist für mich aber interessanterweise der, dass Sherlock Holmes bis kurz vor Beginn der Handlung in der Serie drogensüchtig war und sein Vater Dr. Watson als Suchbetreuerin engagiert hat. Das prägt primär die 1. Staffel und macht diese sehr spannend, ungewöhnlich und kurzweilig.
Vielleicht ist das mit der Drogensucht auch ein Element, dass sich die Serienmacher vom 1976er Kinofilm „Kein Koks für Sherlock Holmes“ abgeschaut haben.

Jedenfalls allesamt Dinge, die für mich einerseits dem Umstand geschuldet sind, dass Elementary eine US-Serie ist, andererseits dass sie sich besonders von zeitgleich laufenden Sherlock-Holmes Produktionen abheben muss und dann natürlich auch dem Zeitgeist.
Und all das würde von Beginn weg große Zweifel aufkommen, ob dabei etwas gutes herauskommen kann. Das tut es jedoch.

Und:
Diese Dinge habe ich erst nachträglich mitbekommen.
Obwohl im deutschsprachigen Fernsehen schon 2013 gestartet, habe ich sie damals noch nicht geschaut. Zwar habe ich den Namen Elementary und Lob über die neue Sherlock-Holmes-Interpretation mehrfach gehört, den Schritt zum Anschauen habe ich aber erst 2016 auf Kabel-1 gesetzt. Da war ich dann aber sehr schnell ziemlich begeistert!

Was Elementary auszeichnet

Im Kern ist Elementary ja „nur“ eine gute, aber auch keine überragende US-Crime-Serie der 2010er-Jahre. Aber das, was die Macher darum herum geschaffen haben, das ist richtig stark.
Sie ist eine unglaublich durchdachte und zum Denken anregende Fernsehserie.

Um den letzten Gedanken auszuführen und auf die einzelnen Folgen herunter zu brechen:
Die behandelten Kriminalfälle sind meist spannend und gut durchdacht, sie machen aber nur einen Teil der Episoden aus, ja teilweise sind sind nur die vordergründige Bühne, hinter der sich dann teilweise sogar die interessanteren Dinge zutragen.
In den einzelnen Episoden wie auch innerhalb der Staffeln und sogar staffelübergreifend passiert eine richtig intelligente Thematisierung technischer, sozialer und zwischenmenschlicher Dinge, die nicht nur das fiktive Leben der Serien-Protagonisten betreffen, sondern ebenso auch die Zuschauer in der echten Welt.
Elementary ist dabei „nebenbei“ auf wirklich intelligente Art, teils unterschwellig teils offen, gesellschaftskritisch. Diesbezüglich besonders heraus ragt dabei für mich die bei mehreren Gelegenheiten wiederkehrende Kritik am Insektensterben durch Pestizide. Sherlock Holmes ist in Elementary auch ein Imker.

Und obwohl eine Real-Serie so fließen in etliche Episoden Science-Fiction-Elemente, wie miltärische Roboterhunde, ferngesteuerte mechanische Insekten, die sogar als Überwachung und Tötungsdrohnen eingesetzt werden, generell Überwachung samt Kryptographie bis hin zur Kryotechnik ein.
Legendär finde ich in Zusammenhang damit auch die Hackergruppe „Everyone“, mit der Sherlock Holmes regelmäßig zusammenarbeitet und bei der er sich für gefallen regelmäßig als Gegenleistung ein bisschen erniedrigen muss – ein klare Anspielung an Anonymous.
Selbst die in der Serie ständig wiederkehrende, fiktive Internet-Suchmaschine Odker bzw. ihr Macher Odin Reichenbach spielen dann in Staffel 7 eine absolute Schlüsselrolle.

Ein ganz großer Pluspunkt der Serie sind auch die vielen gut durchdachten, ja liebevoll ausgearbeiteten Charaktere – und das eben nicht nur in den Haupt- sondern vor allem auch in den Nebenrollen.
Fast alle von Arthur-Conan-Doyle eingeführten Charaktere kommen auf die eine oder andere Art in der Serie vor, zudem noch zahlreiche „Eigenentwicklungen“ der Drehbuchautoren.

Meine beiden Lieblingscharaktere sind Sherlocks Entzugs-Pate Alfredo Llamosa, ebenfalls ein ehemaliger Drogenabhängiger und ehemaliger Autodieb, der als Berater von einem Hersteller für Auto-Alarmanlagen tätig ist. Für beide ist es quasi eine gemeinsame Leidenschaft, Alarmsysteme zu überwinden.

Und vor allem Kitty Winter. Sie ist ein Vergewaltigungsopfer, das Holmes quasi als eine Art Therapie zu seiner Schülerin macht – just in der Zeit, in der Holmes und Watson zwischenzeitlich getrennte Wege gehen.
Den Kitty-Handlungsbogen in der 1. Hälfte von Staffel 3 finde ich dann auch besonders spannend, da in dieser Zeit aus einer 2er einer 3er-Beziehung der Ermittler wird.

Weiters gibt es auch zwischen den Hauptcharakteren Konflikte: Sherlock Holmes ist nun alles andere als umgänglich und ficht sowohl mit Dr. Watson, Captain Tommy Gregson und Detective Marcus Bell regelmäßig Sträuße aus.

Warum es gut ist, dass Elementary beendet worden ist

Während die ersten 4 Staffel wirklich sehr gut waren, so war ab Staffel 5 ein deutlicher Qualitätsabfall zu bemerken, der in Staffel 6 seinen Höhepunkt bzw. die Serie ihren Tiefpunkt erlebt hat. Staffel 7 war dann zwar auch nicht mehr so gut wie die ersten Jahre der Serie aber wieder besser.

Auffällig in Zusammenhang damit ist, dass Gast-Schlüsselcharaktere in den Staffeln 1-4 allesamt Engländer mit Sherlock-Holmes-Bezug waren:
Jamie Moriarty in Staffel 1, sein Bruder Mycroft Holmes und Inspector Gareth Lestrade in Staffel 2, Kitty Winter in Staffel 3 und sein Vater Morland Holmes in Staffel 4.
Die Gast-Schlüsselcharaktere der Staffeln 5, 6 und 7 sind dagegen allesamt US-Amerikaner. Und da fällt – Zufall oder nicht – die Qualität der Serie deutlich ab.

Zudem hat es von den Handlungen her schon in der 2. Hälfte von Staffel 3 erste Abnützungserscheinungen gegeben, welche dann in Staffel 4 durch die Präsenz der zuvor ominösen abwesenden Vaters Morland Holmes und eines sehr spannenden Handlungsstranges noch einmal mehr als kompensiert worden sind.
Aber ab Staffel 5 sind diese dann doch deutlich „durchgeschlagen“.

Zudem sind dann in den ersten 4 Staffeln wichtige und regelmäßig oder zumindest mehrfach vorgekommene Gast-Charaktere später nur selten oder gar nicht mehr vorgekommen.
So ist z.B. nach Staffel 4 Alfredo nur mehr in 1 einzigen Episode der 6. Staffel vorgekommen.

Fazit

Die ersten 4 Staffeln von Elementary haben mir sehr gut gefallen und machen die Serie zu einer der besten Produktionen der 2010er Jahre, bei den US-Crime-Fernsehserien wohl sogar zur besten ihrer Zeit.

Die weiteren Staffeln waren immer noch ziemlich gut – aber eben nicht mehr so gut.
Gott sei Dank ist die Serie nicht nach Staffel 6 beendet worden. Denn dass zuerst Watson und dann Holmes aus persönlichen Gründen die Verantwortung für einen Mord übernehmen, den sie nicht begangen haben und die USA deswegen verlassen müssen, wäre für diese starke Produktion ein absolut unwürdiges Ende gewesen.

Staffel 7 ist dann wieder definitiv besser, auch nicht mehr so gut wie die Serie am Anfang war, aber sie bietet ein sehr versöhnliches und würdiges Ende.

Besonders bemerkenswert finde ich die hohe objektive und für mich subjetive Qualität von Elementary, da auf Grund des Settings zu befürchten gewesen wäre, dass ihr Hauptziel die möglich umfassende Erfüllung von Diversity-Anforderungskatalogen an Film- und Fernsehproduktionen ist.
Gerade, dass bestehende Charaktere Diversity-mäßig zurecht gebogen werden, ist etwas das ich nicht mag. Geschichte ist so, wie sie ist – und kann gerne weitergeführt, darf aber nicht verfälscht werden.
Diese Sherlock-Holmes-Adaption hat aber gezeigt, dass derartige Formalismen auch nicht unbedingt etwas aussagen.

Es gäbe durchaus noch mehr zu sagen, aber wer mehr wissen will, der soll sich doch bitte selbst schlau machen, indem er die Serie anschaut :-)
Und: Zum 15. Jubiläum der Serie brauche ich ja auch noch etwas zu schreiben.

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